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Innovation

Digitaler Wandel: Mehr als Digitalisierung

Rahel Tschopp Rahel Tschopp, 23. 10. 2020

Kein Zweifel – der Notfallfernunterricht während des Lockdowns hat der Digitalisierung in den Schulen Rückenwind gegeben. Digitale Geräte wurden den Kindern mit nach Hause gegeben, die Arbeit mit gewissen kollaborativen Programmen erhielt Aufschwung. Wichtig ist jetzt aber, dass Digitalisierung und digitaler Wandel unterschieden werden – und wir uns nicht nur Ersterem, sondern vor allem Letzterem zuwenden.

 

In kürzester Zeit, praktisch ohne Vorbereitung, mussten grosse pädagogische, technische und organisatorische Hürden überwunden werden. Viele Lehrpersonen und Schulleiter/-innen machten riesige Fortschritte bezüglich der eigenen Anwendungskompetenzen. Der Notfallunterricht stellte eine ausserordentliche Zeit dar, die aber nicht vergleichbar ist mit dem regulären Schulbetrieb: Der Unterricht musste ohne Planungszeit umgestellt werden, im Vordergrund stand das Aufrechterhalten des Betriebs.

 

Für mich besteht – unabhängig von diesem Notfallfernunterricht – ein grosser Unterschied zwischen der reinen Digitalisierung der Schule und dem digitalen Wandel. Eine Schule, die digital unterwegs ist, kann herkömmlich weiterarbeiten, so dass der einzige Unterschied zu früher ist, dass die Kinder mit digitalen anstatt mit analogen Medien arbeiten. Der Mindset ändert sich nicht, wird den Anforderungen der Kultur der Digitalität nicht gerecht.

Der digitale Wandel ist viel umfassender und ganzheitlicher. Grundsätzliche Fragen stehen dabei im Zentrum: Wie sollte die Volksschule sein, damit sie zeitgemäss ist? Wie kann das nachhaltige, interdisziplinäre, selbstverantwortliche und gleichzeitig kollaborative Lernen gestärkt werden? Der «Kompass digitaler Wandel»1 zeigt auf, wie verzahnt und komplex die ganze Thematik ist und welche Bereiche sie tangiert.

 

Symbolisch kann die Digitalisierung angeschaut werden als ein Haus, das schlicht und einfach ein zusätzliches Stockwerk erhält – sonst ändert sich nicht viel. Das ursprüngliche Schulhaus entspricht dabei der Schule, die praktisch ausschliesslich analog unterwegs ist.

 

Der digitale Wandel hingegen macht Änderungen offensichtlich sichtbar. Die Grundmauern der Schule sind zwar noch dieselben, Innenmauern werden aber abgebrochen, die Fassade und das Dach sind genutzte Flächen.

Im Notfallfernlernen wurden diese drei (symbolischen und überspitzten) Schulhaustypen für die Öffentlichkeit sichtbar. Eine meiner Befürchtungen ist, dass nun eine Verallgemeinerung stattfindet und die emotionell gefärbten Corona-Erfahrungen mit dem digitalen Wandel gleichgesetzt werden: Das wäre verheerend. Der ungewohnte «Bildschirm-Overload» könnte auch zu einer überspitzten und unreflektierten Anti-Bildschirm-Haltung führen. Die Thematisierung der Erfahrungen innerhalb des Schulhausteams ist sinnvoll, um diese gemeinsam einzuordnen.

«Für mich besteht ein grosser Unterschied zwischen der reinen Digitalisierung der Schule und dem digitalen Wandel.»

Ich wünsche mir, dass sich die Schulen – sobald sie die Musse dazu haben – aktiv und offen mit den Fragen des «Kompass digitaler Wandel» auseinandersetzen und diese in einen nachhaltigen Schulentwicklungsprozess einbauen.

Rahel Tschopp
Rahel Tschopp
Leiterin Weiterbildung, Dienstleistungen und Beratung