Der Weg führte den Wirtschaftsingenieur Jörg Säurich vom Produktmanagement in den Vertrieb, von der Medizintechnik zu Siemens, Avaya, Microsoft und Lenovo – und schliesslich in ein Primarschulzimmer und zu Base-Net Education AG. Wie es dazu kam, erzählt er im Interview.

 

Lieber Jörg, du hast in den letzten Jahren in grossen Konzernen wie Siemens, Microsoft und Lenovo gearbeitet. Was reizt dich daran, bei Base-Net Education – einem KMU – eine führende Rolle zu übernehmen?

Die Arbeit für globale Unternehmen mit vielen tausend Mitarbeitenden ist in den meisten Bereichen geprägt durch Struktur und Vorgaben, die aus Sicht der Zentrale in allen Ländern möglichst einheitlich umgesetzt werden sollen. Marktgerechte Individualisierungen sind oft nur eingeschränkt möglich und der Einfluss auf die Produkt- und Lösungsentwicklung ist praktisch ausgeschlossen. Bei angelsächsisch geprägten Unternehmen kommen oft auch noch Reviews und straffe Kontrollen hinzu, was dazu führt, dass die Zeit für den Markt, für Kunden und Partner eher eingeschränkt ist. Ich habe mich für Base-Net Education entschieden, weil ich hier die Möglichkeit habe, wirklich Einfluss zu nehmen, gemeinsam mit dem Team sinnvolle Veränderungen herbeizuführen und für diese auch die Verantwortung zu übernehmen. Und natürlich interessieren mich die Themen Bildung und Digitalisierung.

 

Bevor du zur Base-Net kamst, hast du als Primarschullehrer die 4. Klasse von Gebenstorf unterrichtet. Wie kam es dazu und wie prägt die Schulzimmer-Erfahrung deine jetzigen Aufgaben?

Geplant hatte ich eigentlich eine längere Auszeit, aber dann kam das Leben dazwischen: An der Schule meiner Partnerin (Primarlehrerin) ist ein Klassenlehrer für längere Zeit ausgefallen und meine Partnerin war der Ansicht, ich wäre doch eine gute Besetzung für die Stelle. Nach anfänglichen Zweifel meinerseits kam es doch zum Gespräch mit dem Schulleiter. Das war an einem Freitag – am Montag darauf stand ich vor der Klasse. Und es war eine meiner besten Entscheidungen, für diese Erfahrung auf die geplante Auszeit zu verzichten.

Ich habe schnell gelernt, dass ich die Individualität der einzelnen Schüler berücksichtigen muss. Anfangs dachte ich, ich könne etwas einmal für alle erklären oder zeigen, das reiche. Ich habe dann sehr schnell gemerkt, dass ich meine Erwartungshaltung etwas anpassen muss – nicht alle begreifen auf die gleiche Art und auch nicht gleich schnell. Das lässt sich auch in die heutige Arbeitswelt übertragen. Gerade beim Führen von Mitarbeitenden muss man die Individualität des Einzelnen berücksichtigen.

 

Wofür schlägt dein Herz?

Für Fotografie, Berge, Literatur, mechanische Uhren, Garten, Tessin, Bootfahren, Wandern und für offene, inspirierende Gespräche mit besonderen Menschen.

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Wie lüftest du deinen Kopf nach einem strengen Arbeitstag?

Meistens reicht mir die Fahrt im Auto auf dem Weg nach Hause, um auf andere Gedanken zu kommen, aber solange ich meinen Job gerne mache, ist das Lüften gar nicht nötig. Das «Rennen» im Wald ist für den fast täglichen Bewegungsmangel ein zusätzlicher Ausgleich.

 

Du stammst ursprünglich aus Deutschland, lebst jetzt aber bereits seit 20 Jahren in der Schweiz. Was hat dich in die Schweiz geführt und in der Schweiz gehalten?

Als ich mich 1999 entschieden hatte, die Stelle zu wechseln, wollte ich gleichzeitig auch die Branche wechseln (aus der Medizintechnik kommend). Beworben hatte ich mich nur in Deutschland, obwohl ich bereits sehr nah an der Schweizer Grenze wohnte. Die Idee, mich auch in der Schweiz zu bewerben, kam letztendlich aus meinem Freundeskreis. Die Hürden waren allerdings noch etwas höher als heute – es gab noch keine Bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU, die es ohne weitere Formalitäten möglich machten, als EU-Bürger in die Schweiz einzuwandern. Schliesslich hatte ich drei Jobangebote aus der Schweiz und ich habe mich dann für eine spannende Herausforderung bei Siemens in Zürich entschieden. So bin ich dann auch eher durch Zufall in der IT-Branche gelandet.

Was mich hier gehalten hat, sind letztendlich die sich entwickelnden Lebensumstände und persönliche Interessen. Kulturell sind Norddeutsche und Schweizer mit ihrer gesunden Distanz nicht so weit voneinander entfernt. Aber der Schlüssel ist schliesslich die eigene Einstellung: Nicht mein neues Umfeld muss mich integrieren, sondern ich mich in mein neues Umfeld. Ich wollte nie zu denen gehören, die beleidigt in den Norden zurückkehren – mit der Begründung, ihr Umfeld habe sie nicht integriert. Nach einigen Jahren verschiebt sich der Lebensmittelpunkt – wenn alles gut geht – und das ist auch bei mir der Fall.

 

Was können wir Schweizer von den Deutschen lernen und umgekehrt?

Den Dialekt ????…man kann immer von anderen Menschen lernen – ich würde das nicht an Nationalitäten festmachen. Dazu sind die Schweiz und Deutschland auch kulturell viel zu nah zusammen. Wofür die Deutschen sicher wohlwollende Anerkennung empfinden, ist die direkte Demokratie.

 

Vielen Dank für die spannenden Antworten.

Andrea Elmer
Kommunikation Base-Net Education