Seit über 2000 Jahren lernen Menschen aus der Geschichte. Sie suchen nach Antworten auf zentrale Fragen zu ihrem Dasein: Wie sind wir zu dem geworden, was wir sind? Was hat sich wie und wieso verändert? Was kann ich heute und in Zukunft tun? – Der Umgang mit Vergangenheit trägt also zur Bildung bei. Geschichte erklärt die Gegenwart. Wer ein selbstbestimmtes Leben führen will, braucht einen grösseren Blick fürs Ganze, um die Handlungsspielräume zu erkennen, um die Gewordenheit zu sehen, um Gefahren zu entgehen und Chancen nutzen zu können. Wir leben in einem riesigen Universum des Historischen, das jeden Tag grösser wird. Vieles davon liegt und bleibt im Dunkeln.

Um das Dunkel zu erhellen, standen während Jahrhunderten Texte und Bilder zur Verfügung. Ein wichtiger Innovationsschub für Geschichte, Geschichtsunterricht und Public History ergab sich durch audiovisuelle Medien. Plötzlich konnte man wichtige Momente mit Tonaufnahmen mit- oder nachverfolgen. Hitler und Goebbels kamen über das Radio in die Wohnstube und später in den Unterrichtsraum; die Mondlandung oder der Einsturz des World Trade Centers konnten Zeitzeuginnen, Zeitzeugen in der Schweiz per Fernsehen mitverfolgen, und auch heute noch können wir die beiden Schlüsselereignisse in eindrücklichen Filmen nachverfolgen.

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War mit Text und Bild die Vergangenheit noch weit entfernt, bekommen Menschen mit Filmen dank hervorragenden Veranschaulichungen den Eindruck, näher an Vergangenheit heranzurücken. In der von uns mitentwickelten App «Fliehen vor dem Holocaust» können wir zum Beispiel Eva Koralnik mit dem eigenen Mobile-Telefon zu uns in die Stube hereinholen, damit sie erzählt, wie sie knapp den faschistischen Verbrechern entkommen ist.

Und jetzt erleben wir heute einen weiteren Innovationsschub, bei dem sich die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufzulösen beginnen. Wir haben es mit Mixed Reality zu tun. Sobald wir uns eine 3D-Brille aufsetzen, können wir in die Vergangenheit reisen und zum Beispiel ein Stasi-Gefängnis besuchen oder General Dufour im Sonderbundskrieg 1848 von nah begleiten. Oder wir sind als Gamer*in unterwegs im Jahr 1941, fliehen zusammen mit einem Mädchen quer durch Europa und können auf diese Geschehnisse – so zumindest im virtuellen Raum – Einfluss nehmen.

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«Fliehen vor dem Holocaust». Eine App für Jugendliche

1 - Das Bild oben ist ein Ausschnitt aus dem Trailer zur App «Fliehen vor dem Holocaust. Meine Begegnung mit Geflüchteten». Die App kann über die einschlägigen Plattformen (Apple App Store und Google Play Store) sowie auf der Website der App für Windows-Anwendungen gratis bezogen werden.

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2 - In der App werden die Geschichten von fünf Menschen erzählt, die vor den Nazis flüchten mussten. Die Nutzer/-innen können die Geschichte auswählen, die sie am meisten interessiert oder betrifft. Kurzbeschreibungen – in der Abbildung zu Eva Koralnik – helfen bei der Auswahlentscheidung.

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3 - Die Nutzer/-innen der App werden im Verlauf ihrer Begegnungen mit einer Reihe von Auswahlentscheidungen, Materialien und Aufgaben konfrontiert. Das, was die Nutzer/-innen festhalten, wird in einem Album – einem Portfolio – festgehalten. Am Schluss verschicken die Nutzer/-innen ihr Album mit einem Begleitkommentar per Mail an eine Adressatin, einen Adressaten ihrer Wahl, in schulischen Zusammenhängen auch an die Lehrerin, den Lehrer.

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4 - Die Nutzer/-innen der App werden im Verlauf ihrer Begegnungen mit einer Reihe von unterschiedlichen Aufgaben konfrontiert. Dabei werden medienspezifische Formate umgesetzt, hier z.B. Drag & Drop anhand des Zeitstrahls.

Was diese neue Mixed Reality für historisches Lernen bedeutet, muss erst noch erforscht werden. Offenbar – so zeigen erste Studien – verstärken die digitalen Medien die Neugier für Geschichte und die Kompetenz, Geschichte zu erzählen. Das ist schon einmal vielversprechend.

Prof. Dr. Peter Gautschi
Leiter Institut für Geschichtsdidaktik und Erinnerungskulturen der PH Luzern